23. ADAC Truck Grand Prix
01.08.2008 - Fast ein King am Ring: Bösiger verfehlt das Full House denkbar knapp
Seit vielen Jahren markiert der Deutsche Truck Grand Prix auf dem Nürburgring den Saisonhöhepunkt der Truck Racer. Das Rennen, das in diesem Jahr zum 23. Mal stattgefunden hat, nimmt nach wie vor eine Sonderstellung ein, was vor allem am immer noch gigantischen Zuschauerinteresse liegt. 192.000 Besucher an den drei Tagen der Veranstaltung – das ist der Wert, den die Organisatoren vom ADAC Mittelrhein am Sonntag stolz vermeldeten. Stolz deshalb, weil damit zwar nicht so viele kamen wie vor etwa zehn Jahren (als man regelmäßig deutlich jenseits der Marke von 200.000 lag), aber wieder einige mehr als im letzten Jahr.
Die ersten Besucher treffen schon am Mittwoch ein, viele Lastwagenfahrer, die so etwas wie Stammgäste am Ring sind, parken ihre Trucks in einer der gemähten Wiesen in der Nähe der Rennstrecke und schlagen dort das improvisierte Truckercamp für eine halbe Woche auf. Etwas zu sehen gibt es für die Besucher erstmals am Donnerstag. Da haben sich die Organisatoren einen genialen Dreh einfallen lassen, der nun schon zum zweiten Mal für viele beeindruckte Gesichter sorgt. Es ist Mitfahrtag, und dieser Programmpunkt ist so etwas wie eine Veranstaltung auf Gegenseitigkeit. Früher gab’s die Chance, auf dem heißen Stuhl neben einem der Fahrer Platz zu nehmen, nur für akkreditierte Journalisten. Im neuen Konzept sind die Journalisten nur eine von drei Gruppen. Die Teams, die sich am Mitfahrtag beteiligen, müssen auch Gäste des Veranstalters um den Ring kutschieren – und dürfen im Gegenzug dafür auch ihre eigenen Gäste, Freunde oder Sponsoren zur Taxifahrt einladen. Ganz nebenbei nutzen zumindest die Top-Teams die Gelegenheit als freies Training, bei dem sich rechtzeitig vor dem großen Auftritt noch Manches ausprobieren lässt. Das eigentliche Truckrennen beginnt am Freitag mit den beiden freien Trainingseinheiten und dem anschließenden Zeittraining. Vermutlich wären etliche Veranstalter froh, wenn sie an „starken“ Tagen so viele Besucher hätten, wie sich am Nürburgring bereits am Freitag eingefunden haben. Die Fans bekommen da schon eine tolle Show geboten, neben den Rennen auf der Rundstrecke ist es vor allem der Go-and-Stop-Wettbewerb, der für lebhafte Anteilnahme auf den Tribünen sorgt.
Nachdem der Nürburgring eine eher schnelle Strecke ist, sind die ohnehin überlegenen Freightliner-Trucks des tschechischen Buggyra-Teams auch beim Saisonhöhepunkt die klaren Favoriten. Eine Einschätzung, die nach dem ersten Zeittraining auch schwarz auf weiß in den Ergebnislisten bestätigt wird. Bösiger vor Vrsecky – ein gewohntes Bild in letzter Zeit, erst nach den Haubern ist Platz für Konkurrenten wie Hahn, Albacete oder Belloc. Der zweifache Europameister Antonio Albacete hat sich zwar vor dem Truck Grand Prix bis auf zwei Punkte an den Führenden David Vrsecky heran gepirscht, doch nach diesem Wochenende hat der Tscheche wieder etwas mehr Luft zum Atmen. Ein Blick auf das Klassement zeigt zudem, dass man nicht unbedingt immer gewinnen muss, um Champion zu werden. Markus Bösiger schwang sich nach seinem Erfolg im ersten Zeittraining zu einem famosen Höhenflug auf – er sollte an diesem Wochenende auf der Piste unbesiegt bleiben. Von der Pole Position aus holte sich der Schweizer am Samstag zwei Siege in den beiden Wertungsrennen, und auch am Sonntag stand sein Name ganz oben in den Ergebnislisten von Zeittraining und Qualirennen. Vier Rennen, vier Siege: sollte das möglich sein für Bösiger? Vor dem letzten Rennen zweifelte daran niemand ernsthaft, zu überlegen hatte sich der amtierende Champion präsentiert. Allerdings gibt es im Motorsport viele Eventualitäten, eine davon ist die vorgeschriebene Startgeschwindigkeit von höchstens 70 km/h. Wegen der war eigentlich noch nie jemand bestraft worden. Ob der Dominator tatsächlich VIEL zu schnell unterwegs war oder ob die Kommissare in diesem Fall nur ganz genau hingesehen haben, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall verlangten sie vom führenden Bösiger, wegen des Delikts einmal zur Drive-Thru-Strafe den Abzweig in die Boxengasse zu nehmen du schafften damit, was den Konkurrenten auf der Piste nicht gelingen wollte: Als der Freightliner-Hauber mit der Startnummer 1 danach wieder auf die Strecke kam, musste er sich an fünfter Position einsortieren, der Traum vom Full House war damit für den Europameister und seine Crew ausgeträumt.
Das tschechische Team hatte dennoch Grund zur Freude, denn David Vrsecky übernahm nach Bösigers unfreiwilligem Abstecher die Führung und legte einen deutlichen Abstand zwischen sich und den MAN-Piloten Hahn und Albacete. Übrigens war es nicht der spanische Titelaspirant, sondern Jochen Hahn, der sich am Ende eines langen Wochenendes „bester MAN-Fahrer“ nennen durfte. Zur Freude der Zuschauer kam der einzige deutsche Starter in der FIA European Truck Racing Championship ziemlich gut über die Runden und stand nach beiden Championship-Rennen auf dem Podium.
Beim Truck Grand Prix sind die EM-Rennen nur ein Programmpunkt. Die Zuschauer bekommen für ihr Geld noch mehr Spektakel geboten. Der Lauf auf dem Nürburgring wird seit vielen Jahren auch im Rahmen des nationalen britischen Championats gewertet. Wegen des großen Andrangs fahren die Briten allerdings seit längerem nicht mehr in der EM, sondern im eigens geschaffenen Mittelrhein Cup. In dem geht es immer putzmunter zu, was nicht zuletzt an den unterschiedlichen Fabrikaten und einem breit gestreuten Leistungsspektrum liegt. Und an Lokalmatador Heinz-Werner Lenz, der in den letzten Jahren nur noch am Ring gefahren ist und deshalb beim MR-Cup sarten muss. Wenn Lenz anrückt, kocht die Eifel. Der Abschleppunternehmer, der nicht weit weg von der Rennstrecke lebt, hat immer noch erstaunlich viele Fans – und denen will er vor allem eine gute Show bieten. Wird er hinterher disqualifiziert, wie zum Beispiel am Sonntag, als er sich einige Spitzen jenseits des 160 km/h-Limits erlaubte, bekommen das nur die Wenigsten mit. Was für Lenz zählt, sind wagemutige Überholmanöver und beinharte Zweikämpfe mit den Konkurrenten. In seinen Anfangsjahren nannte man ihn nicht umsonst „Schrottie“. Inzwischen tritt er gemeinsam mit Sohn Sascha auf, doch der muss den alten Brasilien-Hauber fahren, der nicht so richtig auf Touren kommen will. Noch einer war für das unterhaltsame Fach zuständig. Egon Allgäuer setzte am Ring wie gehabt einen Gastfahrer ein, diesmal war das wieder Altmeister Hans-Joachim Stuck, in Deutschland so etwas wie eine lebende Legende. Der hatte nach dem Zeittraining mit seinem Truck zehn Kilogramm Untergewicht, wurde folglich disqualifiziert und musste das erste MR-Cup Rennen von ganz hinten angehen. Nach einer phantastischen Fahrt auf dem regennassen Untergrund hatte sich der Gelegenheitstrucker auf einen Podiumsplatz vor geackert – und musste dann erfahren, dass er wegen Overspeed erneut disqualifiziert wurde. Angeblich war ein neues Steuergerät in den MAN eingebaut worden und verantwortlich für das Malheur. Im zweiten Rennen am Sonntag legte Stuck erneut einen Parforceritt hin – und kam dabei Vater und Sohn Lenz ins Gehege. Das sind bitteschön die Hausmeister am Ring – und Stuck musste hinterher froh sein, nach den beiden Begegnungen der unerfreulichen Art nur ein paar Teile verloren zu haben. Aber eine gute Show war es allemal.